Zusammenfassung der Ergebnisse der zweiten Erhebung der COVID-19 Studie:

Wie haben sich die Lockerungen der COVID-19 Restriktionen auf unsere psychische Gesundheit der Menschen in Deutschland und Großbritannien ausgewirkt?

Geschrieben von Sarah Daimer, basierend auf dem Preprint: medRxiv/2021/1/1

Einleitung

Neben unserer Befragung im März und April 2020 haben viele weitere Untersuchungen gezeigt, dass die Einschränkung der sozialen Kontakte, die Veränderungen in den Lebensumständen und die Angst vor einer Ansteckung mit COVID-19 negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Menschen weltweit haben. So wurde während des ersten Lockdowns erhöhte Stresslevel, Angst- und Depressionswerte und generell eine Abnahme im mentalen Wohlbefinden der Allgemeinbevölkerung gemessen. Dabei hat sich auch gezeigt, dass Menschen mit bestimmten Eigenschaften davon stärker betroffen sind als andere: vor allem weibliches Geschlecht, junges Alter, sowie ein niedriger sozioökonomischer Status wurden mit einem erhöhten Risiko für psychischem Stress in Verbindung gebracht.

Aufgrund der sinkenden Inzidenzzahlen im Sommer 2020 wurden in vielen Ländern Einschränkungen gelockert – so auch in Großbritannien und Deutschland. Daher haben wir und die Frage gestellt, wie sich diese Entwicklungen auf das mentale Wohlbefinden im Vergleich zum Frühjahr 2020 in diesen beiden Ländern auswirkt. Dabei betrachteten wir vor allem depressive, angstbezogene und hier im Speziellen schizotyptische Symptom. Schizotypie fasst Persönlichkeitsmerkmale zusammen, welche wahn- oder psychoseartiges Erleben beschreiben. Diese reichen von Misstrauen gegenüber von Mitmenschen bis hin zu dem Erleben von Verfolgungswahn und dem Glauben an Gedankenübertragung oder Erfahrung mit Übersinnlichem. Dazu haben wir die Werte der beiden Zeitpunkte und auch zwischen Deutschland und Großbritannien verglichen, um die Auswirkungen unterschiedlichen politischen Handelns auf das Wohlbefinden der Bevölkerung zu messen.

Wir verwendeten die gleichen Fragebögen wie zum ersten Befragungszeitpunkt (Coronavirus Helath Impact Survey (CRISIS), Symptom Check Liste (SCL-27), Schizotypy Personality Questionnaire (SPQ)). An der ersten Befragung haben 860 Probanden und an der zweiten 550 Probanden teilgenommen.

Ergebnisse der Symptom-Checkliste 27

Anhand der 27 Items des SCL wurde ein globaler Symptomindex (GSI-Wert) bestimmt, der als Maß des generell erlebten psychischen Stresserlebens dient. Dieser Wert unterschied sich signifikant sowohl zwischen den beiden Ländern als auch Messzeitpunkte: die britische Stichprobe hatte zu beiden Zeitpunkten höhere GSI-Werte und es zeigte sich in beiden Ländern eine Abnahme der Werte zwischen beiden Messzeitpunkten im Frühjahr und Herbst 2020. Die Ergebnisse sind im Raincloud Plot in Abbildung 1 dargestellt.

Abb. 1. Raincloud plot der GSI Werte über Länder und Zeitpunkte. Die Punkte links („der Regen“) zeigt die einzelnen Datenpunkte der Probanden an, die Balken in der Mitte den Mittelwert mit Standardfehler und die „Wolke“ rechts die Verteilung.

Neben dem GSI haben wir uns auch die Entwicklungen in den einzelnen Subdiemensionen des SCL (dysthyme, depressive, agoraphoben, sozialphobische, vegetative Symptome und Symptome von Misstrauen) untersucht. Laut der Autoren dieses Fragenbogens liegen in den einzelnen Dimensionen 10-15% einer Normpopulation über einem kritischen klinischen Cutoff-Wert. Dieser gibt einen Hinweis darauf, dass eine Person mit Werten über dem Cutoff eingehendere psychologische Untersuchung betreffend diese Symptomgruppe benötigt. In unserer ersten Untersuchung hat sich gezeigt, dass in fast jeder Subdimension (außer den vegetativen Symptomen in der deutschen Stichprobe) deutlich mehr Personen über dem Cutoff-Wert lagen, als 10-15%, was unter normalen Umständen in dieser Population zu erwarten wäre.

Auch in den einzelnen Subdimensionen des SCL gab es Veränderungen zwischen den Messzeitpunkten: bei den dystymen Symptomen (DYS, Antriebslosigkeit und Konzentrationsprobleme), den depressiven Symptomen (DEP, Schwermut und Hoffnungslosigkeit), den Symptomen der sozialen Phobie (SOP, starkes Unwohlbefinden bei sozialen Kontakten), in der Subdiemsion „Symptome von Misstrauen“ gegenüber von Mitmenschen (MIS) sowie bei den agoraphobe Symptome (AGO, allgemeine Furchtsamkeit/ „Platzangst“) sanken sowohl in der deutschen als auch britischen Stichprobe die Anteile der Probanden, die über den Cutoff-Werten lagen. Bei den vegetativen Symptomen (VEG, körperliche Stresssymptome wie Schwindel oder Übelkeit) zeigte sich jedoch zwischen Frühjahr und Herbst ein Anstieg des Anteils an Probanden, die auffällige Werte hatten.

Auch wenn zum zweiten Messzeitpunkt bei den meisten Subdimensionen ein Rückgang der Werte messbar war, befanden sich immer noch deutlich mehr Personen über dem Cutoff als in der Populationsnorm. Die Ergebnisse der Subdimensionen sind in Abb. 2 dargestellt.

Abb. 2. Anzahl der Probanden über dem klinischen Cut-Off Wert aufgeteilt nach Ländern und Zeitpunkte. Der gepunktete Balken zeigt den Populationsnormwert an.

Zudem haben wir drei Modelle berechnet, um mögliche Prädiktoren für erhöhte GSI-Werte zu bestimmten. Im ersten Modell haben wir die Auswirkungen bestimmter demographischer Merkmale betrachtet. Zu beiden Messzeitpunkte zeigte sich, dass sich steigendes Alter und ein Wohnort in Deutschland schützend auf die GSI-Werte auswirkte, während sich physische und psychische Vorerkrankungen als Risikofaktor herausstellten. Zum ersten Messzeitpunkt war weibliches Geschlecht ein schützender Faktor, ebenso wie der Wohnort in einer Großstadt in Vergleich zu einer Kleinstadt. Ein erhöhter Bildungsstand erwies zum zweiten Messzeitpunkt als schützender Faktor. Zu beiden Zeitpunkten fanden wir keinen Einfluss von Kindern auf das psychische Stresserleben.

Im zweiten Modell untersuchten wir die Auswirkungen gesunden und gesundheitsschädlichen Verhaltens auf die GSI-Werte. Es stellte sich heraus, dass zu beiden Zeitpunkten Drogenkonsum (Marihuana, Opiate, Schlaftabletten, Beruhigungsmittel etc.), exzessiver Medienkonsum (mehr als vier Stunden am Tag fernsehen, Videospiele spielen oder soziale Medien nutzen) und Einsamkeit Risikofaktoren für erhöhte GSI-Werte sind. Mindestens sechs Stunden Schlaf am Tag wirkte sich hingegen schützend aus. Wir fanden jedoch keinen Einfluss von Alkoholkonsum sowie sportliche Betätigung auf die GSI-Werte.

Mit unserem dritten Modell analysierten wir schließlich spezifische Effekte bzw. Auswirkungen der COVID-19 Pandemie und damit verbundenen Einschränkungen auf die GSI-Werte. Das Erleben der Pandemie und der Restriktionen als belastend, stressig erlebte Verschlechterungen in familiären und sozialen Beziehungen sowie der Verdacht auf oder die Diagnose einer COVID-19 Erkrankung waren Risikofaktoren für erhöhte GSI-Werte. Auch finanzielle Probleme wirkten sich negativ auf.

Ergebnisse des Schizotypie Persönlichkeitsfragebogen

Auch die Ergebnisse des SPQ unterschieden sich auf statistisch bedeutsame Weise zwischen den beiden Ländern: zu beiden Messzeitpunkte waren die Werte in der britischen Stichprobe höher als in der deutschen. Jedoch fanden wir hier einen Trend in Richtung einer Zunahme der Werte von April/ Mai zu September/ Oktober. Die Ergebnisse sind in Abb. 3 dargestellt. Ein Vergleich der 10% der Personen mit den höchsten SPQ-Werten ergab auch eine Zunahme von mind. 26 Punkte auf mind. 31 Punkte zwischen April/ Mai und September/ Oktober.

Abb. 3. Raincloud Plot für die SPQ Gesamtwerte für die beiden Länder und Messzeitpunkte. Wie in Abb. 1 werden hier (von links nach rechts) die Rohdaten, Mittelwert und Standardabweichung sowie die Verteilung der Daten dargestellt.

Auch hier haben wir anhand der gleichen drei Modelle wie für den GSI mögliche Prädiktoren für erhöhte SPQ-Gesamtwerte bestimmt.

Auch hier hatte zunehmendes Alter, höherer Bildungsstand sowie weibliches Geschlecht schützende Einflüsse auf SPQ-Werte. Zudem zeigte sich zum zweiten Messzeitpunkt, dass sich der Aufenthalt in Deutschland ebenfalls positiv auf die SPQ-Werte auswirkt. Die Anwesenheit von Kinder erwiesen sich zum ersten Messzeitpunkt als schützende Faktoren. Der Wohnort in einer Vorstadt erwies sich zu beiden Messzeitpunkten als Risikofaktor für erhöhte SPQ-Werte. Zum ersten Messzeitpunkt waren der Wohnort in einer ländlichen Gegend Risikofaktoren im Vergleich zum Leben in einer Großstadt, während zum zweiten Messzeitpunkt das Leben in einer Kleinstadt oder ländlichen Gegen sich schützend auswirkte.

Bei der Analyse des Einflusses von gesunden und gesundheitsschädigenden Verhalten auf die SPQ-Werte zeigte sich Drogenkonsum und exzessiver Medienkonsum als Risikofaktoren. Dahingegen hatten Alkoholkonsum und moderate sportliche Betätigung (ein bis viermal pro Woche) zum ersten Messzeitpunkt einen schützenden Einfluss. Mindestens fünfmal pro Woche Sport sowie mindestens sechs Stunden Schlaf pro Nacht erwiesen sich ebenfalls zu beiden Zeitpunkten als Schutzfaktoren.

Die Untersuchung der Auswirkungen der COVID-19 Pandemie und der damit verbundenen Einschränkungen auf die SPQ-Werte ergab, dass das Misstrauen in die Regierung, das Land erfolgreich aus der Pandemie zu führen, der Verdacht oder die Diagnose einer COVID-19 Erkrankung sowie starke finanzielle Beeinträchtigungen Risikofaktoren für erhöhte SPQ-Werte sind. Das Erleben der Einschränkungen als belastend sowie die fehlende Hoffnung auf ein baldiges Ende hatte ebenfalls negative Einflüsse auf die SPQ-Werte, jedoch nur zum zweiten Messzeitpunkt. Als belastend erlebte Veränderungen der sozialen und familiären Kontakte stellte sich ebenfalls als Risikofaktor für erhöhte SPQ Werte zum zweiten Messzeitpunkt heraus.

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